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Visionäre an der Waterkant

Das vernetzte Gesundheitswesen: Die Zukunft ist digital!

Autor: Philipp Grätzel von Grätz | Fotos: Gordon Welters

Visionäre an der Waterkant
Harald Jeguschke, Kaufmännischer Vorstand der Universitätsmedizin Rostock

Dank einer Mischung aus klugem Management und günstigem Umfeld ist die Universitätsmedizin Rostock eine der profitabelsten Unikliniken in Deutschland. Jetzt nutzt das Krankenhaus seine Spielräume und investiert nicht nur in einen Neubau, sondern auch in eine moderne IT-Plattform. Mit ihr will Vorstand Harald Jeguschke die IT-Systeme des Klinikums besser verzahnen – und sein Klinikum mittelfristig als Anbieter einer lebensbegleitenden elektronischen Patientenakte für ganz Mecklenburg-Vorpommern positionieren.

Wer von Süden auf der A 19 in Richtung Rostock und dann weiter bis zur Ostsee fährt, der sieht sie schon von Weitem, die imposanten Werftanlagen in Rostock-Warnemünde. Es sind, abgesehen von ein paar Offshore- Windparks, die letzten größeren Landmarken vor der dänischen Küste. Containerschiffe, aber auch immer mehr Kreuzfahrtschiffe entstehen dort und fahren von Rostock aus in alle Welt.

Universitätsmedizin Rostock

In Rostock werden Kreuzfahrtschiffe aber nicht nur gebaut, sie legen auch an, mittlerweile über einhundertfünfzig pro Jahr. Harald Jeguschke, Kaufmännischer Vorstand der Universitätsmedizin Rostock, freut sich darüber. Denn sein Haus verdient mit am internationalen Boom des Kreuzfahrttourismus: „Wir versorgen schon seit Jahren alle Kreuzfahrtschiffe der Aida-Flotte mit Teleradiologie. Jetzt erweitern wir mit Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums die teleradiologische Lösung zu einer telemedizinschen Lösung, sodass wir die Dienstleistung auch anderen Reedereien anbieten können.“

„Wir sind der natürliche Treuhänder für sensible Gesundheitsdaten“

In Sachen Teleradiologie gehörte die Universitätsmedizin Rostock einst zu den Pionieren in Deutschland. Seit ein paar Monaten betreten die Rostocker jetzt einmal mehr digitales Neuland: Das Universitätsklinikum, das seit zwei Jahren, gemessen am Umsatz, die profitabelste Universitätsklinik Deutschlands ist, installiert eine neue IT-Plattform. Vordergründig geht es dabei zunächst um die bessere Vernetzung von knapp 100 Subsystemen, mit denen das Klinikum arbeitet. Diese „klinikinterne“ Vernetzung ist aber nur der erste Schritt.

Denn eigentlich denken die Rostocker schon weiter. Zum einen sollen auch ambulante Versorger eingebunden werden, zunächst die knapp 30 Arztpraxen in den krankenhauseigenen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Zum anderen will sich die Universitätsmedizin Rostock im Rahmen einer regionalen Gesundheits-Cloud als Anbieter lebensbegleitender elektronischer Patientenakten positionieren, nicht nur für den Raum Rostock, sondern potenziell für ganz Mecklenburg-Vorpommern. Ein hoher Anspruch? Jeguschke hält seine Vision für eher naheliegend: „Wir sind als Universitätsmedizin in Trägerschaft des Landes der natürliche Treuhänder für die höchst sensiblen Gesundheitsdaten der Bevölkerung.“

Gesucht: eine praxiserprobte, IHE-konforme Lösung

Als die Entscheidung für eine IT-Plattform anstand, wurde rasch klar, dass sich eine solche Vision nicht mit jeder x-beliebigen Integrationsplattform verwirklichen lassen würde. „Was wir gesucht haben, war eine Kommunikationsplattform, die unsere hausinternen Systeme verknüpft und gleichzeitig die Möglichkeit bietet, mit der Außenwelt digital zu kommunizieren“, beschreibt Jeguschke das Anforderungsprofil. Zentral war dabei die Unterstützung der Standardisierungsprofile der Initiative Integrating the Healthcare Enterprise (IHE). „Wir wollten überall da, wo es sinnvoll ist, IHE-Konformität, denn dieser Grundstandard entwickelt sich relativ stürmisch. Über IHE-Protokolle haben wir die Möglichkeit, eine wirklich homogene Informationsstruktur herzustellen.“

Und noch eine Anforderung gab es. Die Rostocker wollten nicht die Katze im Sack erwerben: „Ganz entscheidend für uns war, dass die Lösung, die wir kaufen, in der Praxis erprobt ist.“ Also verschafften sich Jeguschke und seine IT-Experten einen Überblick über den Markt – und fanden im Nachbarland Österreich, bei den Tiroler Krankenanstalten in Innsbruck, mit der Plattform eHealth Solutions von Siemens Healthineers eine Lösung, die sowohl IHE-konform ist als auch das Kriterium „praxiserprobt“ erfüllt.

ELGA in Österreich: dezentrale Patientenakte mit pragmatischem Ansatz


Österreich hat sich schon vor mehreren Jahren auf den Weg in Richtung einer flächendeckenden Infrastruktur elektronischer Patientenakten für das dortige Gesundheitswesen gemacht. Die Umsetzung der „elektronischen Gesundheitsakte“, kurz ELGA, läuft nach langen Vorarbeiten und einem eigenen ELGA-Gesetz seit Ende 2015. Immer mehr Leistungserbringer werden an das System angeschlossen. Den Anfang machten die Krankenhäuser. Mittlerweile werden auch Apotheker und niedergelassene Ärzte einbezogen.

„Die ELGA hat aus unserer Sicht sehr großen Charme“, betont Jeguschke. „Sie ist sehr klar aufgebaut, und vor allem: sie funktioniert.“ Technisch wird die österreichweite ELGA über ein Netzwerk IHE-konformer regionaler eHealth-Plattformen umgesetzt. Mit seinem Produkt eHealth Solutions ist Siemens Healthineers Technologiepartner in der Mehrzahl dieser ELGA-Regionen.

Ein wichtiges Kennzeichen der ELGA ist ihre dezentrale Datenhaltung. Jeguschke erläutert das an einem Beispiel: „Wenn Erwin Müller als Patient in eine medizinische Einrichtung kommt, dann kann der Arzt über eine zentrale Netzkomponente abfragen, wo überall Dokumente liegen, die mit diesem Patienten zu tun haben. Dieser pragmatische Zugriff auf dezentrale Dokumente ist die Vision, die wir auch für uns und perspektivisch für ganz Mecklenburg-Vorpommern verfolgen.“

Nicht warten, bis das Schiff ablegt

Aktuell läuft beim Rostocker Patientenaktenprojekt die erste Integrationsphase. Bis Spätherbst soll das SAP-basierte Klinikinformationssystem des Uniklinikums voll in die neue eHealth-Solutions-Plattform integriert sein. Das neue Multimedia-Archiv und die ebenfalls neuen RIS/PACS-Lösungen für die Radiologie werden von Beginn an angeschlossen. Ein erstes Anwendungsbeispiel, das den Nutzen der Plattform in einem sektorenübergreifenden Behandlungsszenario illustriert, soll bereits im Frühsommer vorgestellt werden. Danach werden Schritt für Schritt alle Ambulanzen und Medizinischen Versorgungszentren mit ihren jeweiligen IT-Systemen mit der Plattform vernetzt.

Wie es dann weitergeht, hängt auch von der Politik ab. So will Jeguschke den Patienten nach dem Vorbild Österreichs ermöglichen, auf ihre Daten über ein Web-Interface oder eine App zuzugreifen. „Dazu sind noch einige Regelungen auf Bundes- und Landesebene erforderlich. Da gibt es aber viele Initiativen, ich bin zuversichtlich.“ Auch was die „organisatorische“ Struktur der jetzt entstehenden Landschaft aus elektronischen Patientenakten in Deutschland angeht, gibt es noch offene Fragen. Denn auch andere Akteure, etwa Krankenkassen und private Klinikbetreiber, bringen sich in Stellung.

Harald Jeguschke, Kaufmännischer Vorstand der Universitätsmedizin Rostock

Jeguschke sieht sein Haus mit der neuen eHealth-Solutions-Plattform jedenfalls gut positioniert und betont, dass sich die unterschiedlichen Ansätze nicht zwangsläufig ausschließen, sondern auch ergänzen können. So kann er sich gut vorstellen, dass die Universitätsmedizin Rostock künftig Daten von Kooperationspartnern hostet, die selbst nicht groß genug sind, um eigene Plattformen voranzutreiben: „Als Universitätsmedizin sollten wir nicht darauf warten, bis das Schiff die Werft verlässt. Wir begreifen uns als regionaler Vollversorger, der auch Verantwortung für die Region hat.“

Datum: 07.07.2017


Über den Autor
Philipp Grätzel von Grätz arbeitet als freier Medizin- und Wissenschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Auftraggebern zählen zahlreiche Fachmedien, aber auch Stiftungen, Forschungsorganisationen und Verbände. Seine Spezialgebiete sind Medizintechnik, IT im Gesundheitswesen, Gesundheitspolitik und Innere Medizin. Am Imperial College in London erwarb der Mediziner den Master in Science Communication.

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